Ko-kreative Führung - Wie Digitalisierung und Industrie 4.0 auf die Unternehmenskultur wirken – und wie man damit umgeht.
07.05.2019 Ausgabe: DDIV DIGITAL 2019

Wie können Unternehmen die Herausforderungen der Digitalisierung und veränderter Marktbedingungen meistern? Welche praktischen Veränderungen der Unternehmensleitung dafür erforderlich sind, ist oft nicht leicht zu erkennen. Die Konzentration auf technische und kaufmännische Aspekte greift meist zu kurz und schafft eher neue Probleme, wenn nicht gleichzeitig auch Personalführung und Zusammenarbeit neu gestaltet werden. Spezialisiert auf Prozesse in der Zusammenarbeit von Teams, setzen wir auf eine Herangehensweise, die das Können und die Ressourcen aller Menschen im Unternehmen aktiviert – anstatt Defizite in den Blickpunkt zu rücken.

Mehr Mut zur Veränderung!

Aus unserer Zusammenarbeit mit Unternehmen der Immobilienverwalterbranche wissen wir, welch enorme Kompetenz für ein sehr vielfältiges und forderndes Betätigungsfeld dieser Beruf erfordert, und wir beobachteten zugleich eine gewisse Unflexibilität oder Scheu, sich auf Veränderungen und Neuerungen einzulassen. Das entspricht grundsätzlich dem, was Kunden von Verwaltern erwarten: Zuverlässigkeit, Beständigkeit und Wahrung von Interessen sind tendenziell positiv-konservative Werte. Nun dreht sich unsere Welt inzwischen etwas schneller und weniger vorhersehbar als früher; Volatilität, Ungewissheit, Komplexität und Ambiguität haben mit Globalisierung und Digitalisierung Einzug gehalten. Man versucht sich zu wappnen: Kooperationen und Fusionen von Unternehmen sollen Synergieeffekte erzielen. Und dabei zeigt sich immer wieder eine Schwachstelle: Sowohl Digitalisierung als auch solche Mergers & Acquisitions werden in erster Linie als eher IT- oder finanztechnische Themen begriffen. Dazu ein Beispiel aus der Wirtschaft: Das Board of Management eines großen Unternehmens lädt seine Bereichsleiter ein, um zu  verkünden: „Wir stellen uns neu auf und gründen den Bereich ‚Digitalisierung & Innovation‘. Dafür werden wir Finanz- und Personalressourcen zur Verfügung stellen.“ Man ist sich einig, dass dies ein wichtiger Schritt für die Zukunft des Unternehmens ist. Allerdings werden auch Fragen gestellt: Welche Auswirkung wird das auf die Zusammenarbeit haben? Wie gehen wir mit den Ängsten und Bedenken der Mitarbeitenden zu diesem Thema um? Welche Konsequenzen hat es für mich als Führungskraft, wenn wir Prozesse digitalisieren? Wir haben die Mitarbeitenden die letzten Jahre auf die Einhaltung von Standards und Effizienz geeicht, jetzt sollen sie plötzlich agiler arbeiten und innovativer denken, wie soll das so schnell gehen? Welchen Einfluss hat der neue Bereich – müssen wir alles umsetzen, was von dort kommt?

Im anschließenden Nachlese-Meeting des Boards reagierte man verärgert auf die Bedenkenträger und wischte die angesprochenen Aspekte vom Tisch – ein Fehler, wie sich später herausstellen sollte. Heute, eineinhalb Jahre später, hat das Unternehmen dazugelernt: Es finden Werkstattdialoge statt, in denen Führungskräfte erfahren, wie sie ihr Management ändern müssen, um Digitalisierung und Innovationskultur umzusetzen. Den Mitarbeitenden werden Methoden des agileren und ko-kreativeren Arbeitens vermittelt. Anstatt über Position und Einfluss zu streiten, hat das Board of Management das „Prinzip Augenhöhe“ eingeführt. Was seither im digitalen Innovationsbereich erarbeitet wird, muss zunächst Menschen in den relevanten Abteilungen des Unternehmens für sich gewinnen, bevor es zum Rollout für die ganze Firma kommt. Fazit: Unter neuen Rahmenbedingungen braucht es auch eine neue Führung und eine neue Art der Zusammenarbeit, damit ein Unternehmen die Notwendigkeit von Veränderungen begreift und notwendige Transformationen gemeinsam mit der Belegschaft bewältigt.

Was Führungskräfte können sollten

Führungskräfte, die Entscheidungen einsam treffen, ohne sie mit Stakeholdern wie z. B. der Belegschaft, den Chefs, dem Betriebsrat, im Kollegenkreis, den Kunden etc. vorab zu erproben, werden es in Zukunft schwer haben. Sie alle wollen nämlich in ihrer jeweiligen Rolle als Teil des Ganzen wertgeschätzt werden. Fühlen sie sich verstanden, sind sie sicherlich auch bereit, für das gemeinsame Projekt mehr zu geben und anstehende Veränderungen mit zu tragen.
Zuhören und Verstehen sind Schlüsselkompetenzen guter Führungskräfte, die ja auch ein wesentlicher Faktor für die Mitarbeiterbindung sind. In Zeiten des Fachkräftemangels erweist sich gute Führung als Vorteil im Wettbewerb um gutes ­Personal.

Ko-Kreativität und Agilität

Ko-Kreativität bezeichnet den Synergieeffekt, der entsteht, wenn ein Team in konstruktiver Zusammenarbeit mehr bzw. bessere Ergebnisse erzielt, als zusammengenommen die, die alle einzeln erreicht hätten. Führungskräfte können dafür sorgen, dass eine solche Arbeitsweise möglich ist. Dafür bedarf es der Wertschätzung und Anerkennung jedes einzelnen Teammitglieds sowie seiner Fähigkeiten. Andere Sicht- und Denkweisen werden als hilfreich erkannt und Fehler als Lernchance betrachtet. Wenn in einem Team alle auf Augenhöhe miteinander arbeiten, kann jeder das, was er am besten kann, zum gemeinsamen Projekt beitragen.
Agil sind Arbeitsprozesse dann, wenn sich Teams auch untereinander vernetzen, einzelne Mitglieder mal hier, mal dort eigenverantwortlich etwas zur Gemeinschaftsaufgabe beitragen – und so stetig dazulernen. Dass man sich auf Augenhöhe begegnet und kommuniziert, ist hier besonders wichtig. Agile Teams organisieren sich vornehmlich selbst und brauchen die Führungskraft vor allem, aber nicht nur, als Facilitator, den Prozessbegleiter, der Veränderung initiiert und fördert.
Ko-kreative Führungskräfte stabilisieren Unsicherheiten in einem komplexen Umfeld und geben die grobe Richtung vor. Sie ermöglichen Mitwirkung, geben Verantwortung ab, vertrauen in die Leistung des Teams und reflektieren sich selbst. Ko-kreative Führungskräfte sind Enabler, die erforderliche Ressourcen bereitstellen, als Coach fürs Team sowie für jedes seiner Mitglieder fungieren und als Mittler zwischen Teamaktivität und Unternehmensstrategie.

Fazit

Das neue WAS der Digitalisierung braucht ein neues WIE der Führung, um die Transformation nicht nur technisch, sondern gemeinsam mit den Menschen zu gestalten. Ko-kreative Unternehmer und Manager haben verstanden, dass sie weniger im System und mehr am System arbeiten müssen. Sie konzentrieren sich nun darauf, die Säge zu schärfen, anstatt zu sägen. Sie sind angesichts der aktuellen Herausforderungen Wegbereiter und ermächtigen Führungskräfte und Mitarbeitende, diesen Weg selbstbewusst und ko-kreativ, also gemeinsam, zu gehen. Die Entscheidungsmacht liegt weiterhin bei der Führungskraft, lediglich der Weg zur Entscheidung und wie man sie umsetzt, verändert sich, indem interessierte Mitarbeitende ko-kreativ einbezogen werden. Das verändert Unternehmenskultur und gewinnt Menschen, Herausforderungen gemeinsam anzupacken.

Foto: © Sashkin / Shutterstock.com


Schlagworte:
Machbarkeitsstudie,Schnittstellenoptimierung,Standardisierung

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