Die Messdienstleistung wird digital - Pilotprojekte in Rüsselsheim und Berlin zeigen ­Chancen und Perspektiven innovativer ­Funktechnologien.
07.05.2019 Ausgabe: DDIV DIGITAL 2019

Eine einheitliche Infrastruktur vernetzt Smart Metering, Smart Home, Smart Building und Submetering über das Smart-Meter-Gateway – so können sämtliche Verbrauchsdaten automatisch übermittelt und verarbeitet werden, und es entsteht eine umfassende Datenbasis als Grundlage für die Entwicklung und das Angebot intelligenter Anwendungen und Services.

Ermöglicht wird digitalisierte Messdienstleistung durch für Open-Metering-Systeme (OMS) zertifizierte Geräte und die Funktechnologie Automatic-Meter-Reading (AMR). OMS-zertifizierte Geräte ermöglichen dank offener Funkstandards die Datenübertragung zwischen unterschiedlicher Hardware. AMR sorgt für die automatische und verschlüsselte Funkübertragung der Verbrauchsdaten von Wärme und Wasser aus den Liegenschaften. Im Zusammenspiel entsteht ein nicht-proprietäres Funksystem, bei dem der Kunde jederzeit Herr über seine Daten bleibt. Wird zudem die Übermittlung der Verbrauchsdaten gemeinsam mit den Daten der Energielieferung über ein Smart-Meter-Gateway gebündelt, können Ablesung und die Erstellung der Heiz- und Betriebskostenabrechnung erheblich beschleunigt werden. Die durchgängig elektronische Übertragung mit integrierter Validierung der Daten stellt zudem ein höheres Qualitätsniveau über den gesamten Prozess sicher.

Digitalisiert und automatisiert in die Zukunft

Von dieser Technologie profitiert heute schon die Berliner Gewobag Wohnungsbau-Aktiengesellschaft. Für sie stattet KALO seit Ende 2018 rund 18 000 Wohneinheiten mit modernster AMR- und OMS-Technik aus. Die Vorteile des so entstehenden Funksystems lassen sich am Beispiel der Erstellung der Heiz- und Betriebskostenabrechnung aufzeigen: Es ermöglicht die vollautomatische Übertragung der Verbrauchsdaten in das KALO-Netzwerk, wo sie vielfältigen Plausibilitätsprüfungen unterzogen werden. Anschließend werden Ergebnismitteilungen erstellt, die über eine gemeinsam genutzte Datenplattform automatisch in das EDV-System der Gewobag eingespielt werden, um dort direkt in die Erstellung der finalen Heizkostenabrechnung einzufließen. Der automatisierte Prozess zeichnet sich nicht nur durch seine Effizienz aus, sondern erhöht auch die Datenqualität. Die Kombination mit den Plausibilitätsprüfungen gewährleistet eine schnelle Erstellung der Abrechnung, die vor allem auch rechtssicher ist.

Darüber hinaus hat die Datenplattform auch weitere Funktionen: Sie zeigt den Montage- und Gerätestatuts der Mess- und Erfassungstechnik an und beauftragt ggf. automatisiert den technischen Kundendienst. Alle Daten, die zwischen den Unternehmen über die Datenplattform ausgetauscht werden, sind verschlüsselt und damit sicher. Der Einsatz der Datenplattform und die Datenhoheit des Kunden bieten vielfältige Vorteile. Auf Basis der erhobenen Daten können gemeinsam neue intelligente Anwendungen entwickelt werden, die Kunden Mehrwert bieten. Gleichzeitig erhält die Gewobag die Flexibilität, eigene Anwendungen zu entwickeln, zum Beispiel Mieterportale oder Apps.

Interoperable Mess- und ­Kommunikationsinfrastruktur

Dass auch die spartenübergreifende Bündelung nicht nur Zukunftsmusik ist, zeigt sich derzeit in Rüsselsheim, wo KALO das Know-how der Schwesterunternehmen aus der noventic group nutzt. Dort baut die Allegron-Gruppe, ein Bad Emser Immobilienentwickler, die frühere Hewlett-Packard-Zentrale zur Wohnimmobilie um und stattet sie mit zukunftsweisender, interoperabler Mess- und Kommunikationsinfrastruktur aus. Mit der digitalen Lösung erhalten Wohnungsnutzer hier regelmäßig Auskunft über ihren Energieverbrauch, und zwar unterjährig und direkt, nicht wie bisher im Jahresrückblick und verbunden mit zahlreichen Ableseterminen. Dazu werden spartenübergreifend die Verbrauchsdatenerfassung und die Abrechnung über ein Smart-Meter-Gateway des strategischen Partners PPC gebündelt. Das Unternehmen erhielt Ende 2018 als erster Hersteller die gesetzlich vorgeschriebene Common Criteria-­Zertifizierung des Bundesamtes für Sicherheit in der Informationstechnik.
Auf Basis dieser Informationen visualisiert die von der noventic-Tochter KeepFocus eigens entwickelte App „Cards“ das Verbrauchsverhalten der Nutzer. Die kontinuierliche Darstellung soll mit individuellen Benchmarks zum sparsamen Umgang mit Energie motivieren. Am Jahresende folgt dann zudem die Abrechnung pünktlich und plausibilisiert.
Die hochverfügbare und sichere Kommunikationsinfrastruktur kann aber noch mehr: Auch Smart-Home- und Smart-Building-Dienste lassen sich kostenneutral einbinden und ebnen so dem Einsatz sogenannter Wohnassistenzsysteme für Ältere und Menschen mit Behinderung den Weg.

Den Blick in die Zukunft richten

Die Beispiele aus Berlin und Rüsselsheim zeigen neue Perspektiven der digitalisierten Messdienstleistung auf, die der Wohnungswirtschaft zahlreiche neue Möglichkeiten eröffnen: Es geht nicht mehr nur um die Effizienz der unternehmensinternen Prozesse, sondern auch um die Erweiterung der Angebote für Eigentümer und Mieter, letztlich um die Steigerung der Wohnqualität. Dass dies nicht allein das Thema der Zukunft großer Verwaltungsunternehmen ist, macht die im Dezember 2018 verabschiedete EU -Energieeffizienzrichtlinie (EED) mehr als deutlich. Wird damit ab Oktober 2020 fernauslesbare Messtechnik beim Neueinbau Pflicht und auch die regelmäßige unterjährige Information über Verbrauchswerte, sind AMR und die App zur Visualisierung der Verbrauchsdaten schon heute soweit, diese gesetzlichen Anforderungen zu erfüllen.


Foto: © MJgraphics / Shutterstock.com


Schlagworte:
Messdienstleistung,Funktechnologie,Infrastruktur

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